Philosophy and Riches

2016-07-02 philosophy-and-riches v01

The acquisition of riches has been for many men, not an end, but a change, of troubles.
— Epicurus

Der Stoiker und Philosoph Seneca schreibt in einem seinem Brief an Lucilius mit dem Titel on Philosophy and Riches über die Kehrseite von Reichtum. Dabei spricht er aus Erfahrung, denn er war zu seinen Lebzeiten ein erfolgreicher Geschäftsmann, Berater des Kaisers und einer der reichsten Männer in Rom. Er empfiehlt Lucilius nicht nach Reichtum, sondern nach Wissen und Bildung zu streben.

(…) strive toward a sound mind at top speed and with your whole strength

Dabei adressiert er sofort den typischen Einwand, man müsse zuerst nach finanzieller Absicherung streben, um danach in Ruhe und ohne Sorge die Zeit für Wissen und Weisheit investieren zu können. Es sei sogar eine weit bessere Voraussetzung in Bescheidenheit und weitgehend in Ruhe zu Lernen, anstatt umgeben von Verpflichtungen und Ablenkung den richtigen Zeitpunkt zum Kürzer treten bemessen zu müssen.

Doubtless, your object, what you wish to attain by such postponement of your studies, is that poverty may not have to be feared by you.
But what if it is something to be desired? (…)
If you wish to have leisure for your mind, either be a poor man, or resemble a poor man. Study cannot be helpful unless you take pains to live simply; and living simply is voluntary poverty. (…)

Seneca erinnert daran, dass es sehr relativ ist, wie man sein Wohlstand bemisst. Aber ein gesunder Minimalismus sei relativ gleichbleibend über alle Zeiten und Zivilisationen hinweg.

Change the age in which you live, and you have too much. But in every age, what is enough remains the same.

Besonders in Erinnerung ist mir der Hinweis geblieben, dass auch Reichtum seine Schattenseiten hat und es in der Regel einzig der Mensch selbst ist, der entweder in der Lage ist mit vielfältigen Situationen glücklich zu sein oder eher das Schlechte zu sehen. Immer wieder beobachte ich erfolgreiche und wohlhabende Menschen, die ganz und gar nicht glücklich erscheinen. Seneca findet dafür sehr gute Worte:

For the fault is not in the wealth, but in the mind itself. That which had made poverty a burden to us, has made riches also a burden. Just as it matters little whether you lay a sick man on a wooden or on a golden bed, for whithersoever he be moved he will carry his malady with him; so one need not care whether the diseased mind is bestowed upon riches or upon poverty. His malady goes with the man.

Bildquelle: Wikipedia

Fokus auf den eigenen Einflussbereich

2016-06-27 fokus-auf-den-einflussbereich v01

Happiness and freedom begin with a clear understanding of one principle: Some things are within our control, and some things are not.
Epictetus

Eine der wichtigsten Techniken des Stoizismus ist der Fokus auf Dinge, die man kontrollieren kann und Gleichmut im Umgang mit dem, was außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegt. Nach meiner Erfahrung, kann die Beachtung dieser Grundregel im Alltag tatsächlich einen Großteil des Ärgers und der Frustration abstellen. Negative Emotionen resultieren häufig aus Umständen, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Sei es Wut im Auto über das Verhalten anderer Autofahrer, Frustration auf der Arbeit über Entscheidungen der Chefetage oder Angst als Reaktion auf Nachrichten aus aller Welt. Im Stoizismus unterscheidet man daher zwischen Dingen, die man komplett selbst kontrollieren kann, Dingen, die man teilweise beeinflussen kann und Dinge, die man überhaupt nicht kontrollieren kann.

Komplett selbst kontrollieren kann man in erster Linie nur seine eigenen Gedanken und Handlungen. Umstände, die man teilweise kontrollieren kann, findet man beispielsweise bei der Teilnahme an Wettkämpfen.1 Einen Großteil der eigenen Leistung in einem Wettbewerb kann man tatsächlich beeinflussen, insbesondere durch Disziplin beim Training, Sorgfalt bei der Vorbereitung und die eigene Einstellung und Konzentration am Wettkampftag. Ob das jedoch ausreicht, um im Vergleich mit anderen Teilnehmern als Gewinner hervorzugehen, liegt grundsätzlich außerhalb der eigenen Kontrolle. Denn natürlich kann es sein, dass ein anderer Teilnehmer eine überlegene Leistung abliefert. Sich darüber zu ärgern, wäre unnötig und sinnlos. Deswegen macht es Sinn, seine Erfolgskriterien zu internalisieren, also nur den eigenen Kontrollbereich zu berücksichtigen. So wäre es typisch für einen Stoiker, sich trotz einer Niederlage über eine gute persönliche Leistung zu freuen.

You have power over your mind – not outside events. Realize this, and you will find strength.
Marcus Aurelius

Diese Trennung fällt natürlich nicht leicht. Es ist aber eine tolle Fähigkeit und sehr viel relevanter und nachhaltiger für ein erfülltes Leben als einzelne Erfolge. Wie so oft habe ich festgestellt, dass man diese Technik üben kann und sie mit der Zeit leichter fällt. Autofahren ist eine ideale Trainingsmöglichkeit. Oft gibt das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer oder äußere Umstände wie Stau oder fehlende Parkplätze Anlass dazu, sich zu ärgern, ohne das man den geringsten Einfluss darauf hat. Damit gelassen umzugehen und Wut und Ärger im Keim zu ersticken, ändert die Stimmung und die Qualität der Fahrt merklich.

Bildquelle: Amanda Kerr via Pexels


  1. Es wundert mich nicht, dass einige Football-Teams der NFL in letzter Zeit Techniken des Stoizismus in ihr Trainingsprogramm mit aufgenommen haben. 

Stoizismus

ROMAN ART

Als Lebensphilosophie gibt Stoizismus (oder auch Stoa) Antworten auf die Frage, wie man ein gutes Leben führen kann. Anders als die Verwendung des Wortes stoisch im Sprachgebrauch vermuten lässt, geht es dabei nicht um den Verzicht auf Emotionen, sondern um das Erreichen von innerer Ruhe und Gelassenheit; dem Mittelweg, weder Wohlstand und Freude zu verteufeln aber auch nicht darauf angewiesen zu sein. Das oberste Ziel dabei ist Tranquility – also Ruhe und Gelassenheit – im Alltag zu erreichen. Es wird als weit wichtiger angesehen als typische, oberflächliche Ziele wie Reichtum, Erfolg und Schönheit. Berühmte Vertreter des Stoizismus, wie Seneca oder Mark Aurel, gehörten zeitweise zu den wohlhabendsten und mächtigsten Bürgern der römischen Gesellschaft, praktizierten jedoch regelmäßig ein Leben in Bescheidenheit und Demut und feiten sich so davor, von materiellen Dingen abhängig zu sein.

Stoizismus zu praktizieren bedeutete konkret, Quellen von Störungen der Tranquility zu finden und zu vermeiden. Durch Achtsamkeit und den geschickten Umgang mit negativen Einflüssen kann man dadurch den Alltag mehr genießen und sich weniger sorgen oder ärgern. Dazu werden konkrete Techniken empfohlen, die auf nachvollziehbare Weise den Blick auf das Wesentliche richten. Zum Beispiel der strikte Fokus auf Dinge, die man selbst kontrollieren kann. So liegt es zum Beispiel im eigenen Einflussbereich, ob man bei einem Wettbewerb seinen bestmöglichen Einsatz zeigt – ob das ausreicht, dass man gewinnt, liegt jedoch außerhalb der eigenen Kontrolle, da es von der Form der anderen Teilnehmer abhängt. Auch Fatalismus gegenüber der Vergangenheit, also die Akzeptanz von Geschehnissen die man nicht mehr verändern kann, gehört zu den wichtigen stoischen Weisheiten.

Ein sehr guter erster Einblick in die Stoik wird in drei Artikeln (Teil 2 und Teil 3) gegeben, die vom Autor des Buches A Guide to the Good Life: The Ancient Art of Stoic Joy von William Irvine geschrieben wurden. Auch das Buch ist sehr lesenswert und hat mich von der Nützlichkeit und Relevanz der stoischen Lebensphilosophie überzeugt. Ein weiteres Standardwerk ist das Buch Selbstbetrachtungen von von Mark Aurel, ein Tagebuch das er in seiner Zeit als römischer Kaiser verfasst hat. Es steckt voller praktischer Weisheiten für den Umgang mit alltäglichen Problemen aus dem Blickwinkel eines praktizierende Stoikers.

Bildquelle: Jim Beckel, The Oklahoman

Choose Understanding Over Judgment

 

Versuche zu verstehen und nicht zu bewerten.

Diesen Satz habe ich in einem Artikel auf Brain Pickings (Punkt 8) gelesen und er fällt mir immer wieder ein.

Unless we are very, very careful, we doom each other by holding onto images of one another based on preconceptions that are in turn based on indifference to what is other than ourselves.

Es fällt schwer anderen Menschen reinen Herzens den Freiraum zu lassen, Dinge anders zu sehen oder anders zu handeln als man selbst es tun würde. Ich stolpere ständig darüber, wie ich meine eigene Meinung zeitweise als die einzig richtige ansehe, nur um dann manchmal durch neue Informationen oder Erfahrungen genau diese Meinung zu änderen. Auf ähnliche Weise erschließt sich mir manchmal das zunächst unerklärliche Verhalten eines anderen Menschen, nachdem ich mich näher mit den Umständen beschäftigt habe. Ich weiß also aus Erfahrung, dass ich nicht immer Recht habe. Und trotz alledem fällt es mir immer wieder schwer, anderen Meinungen und Verhaltensmustern mit aufrichtiger Offenheit und Verständnis entgegenzutreten.

Es kommt mir so vor, als ob früh von uns erwartet wird eine Meinung zu haben und darauf zu achten, ob diese auch richtig ist. In der Schule geht es ab frühster Kindheit um Richtig und Falsch, in den Nachrichten um Fakten und Informationen, im Fernsehen, Zeitschriften und im Internet werde die 10 besten- oder erfolgreichsten- oder schönsten Dinge gekührt. Es gibt wenig Raum für Ungewissheit. Eine Nebenwirkung unserer Wissensgesellschaft könnt sein, dass wir ständig auf der Suche nach der einen, richtigen Antwort sind. Toleranz ist zwar glücklicherweise ein vertrautes Konzept in Deutschlang aber Verständnis und Akzeptanz gehen noch etwas weiter.

Das Leben ist komplex. Je älter ich werde desto häufiger fällt mir auf, dass es viele Wege, viele Wahrheiten, viele richtige Antworten gibt, die sich teilweise sogar auf den ersten Blick gegenseitig ausschließen. Je stärker man von seiner eigenen Meinung überzeugt ist, desto schwerer fällt es den Blick dafür offen zu halten, dass auch andere Wege richtig sein können. Es scheint mir daher eine gute Angewohnheit zu sein, grundsätzlich zu versuchen zu verstehen und nicht zu bewerten. Und sei es, dass man im Gespräch bei Konfrontation mit einer anderen Meinung nicht bereits im Kopf die Gegenargumente vorbereitet, sondern aufrichtig zuhört und probiert, die Sicht des anderen zu verstehen. Vielleicht stößt man auf diese Weise sogar auf eine für alle Seiten noch bessere Wahrheit.

The Heroe’s Journey

2016-06-13 the-heroes-journey v01

Jeder erfolgreiche Romanautor oder Regisseur kennt das Konzept der Heroe’s Journey. Joseph Campbell hat es formuliert, nachdem er sich intensiv mit Mythen, Fabeln und Geschichten verschiedenster Kulturen auseinandergesetzt hat. Überraschenderweise folgen fast alle erfolgreichen Geschichten dieser charakteristischen Struktur, an der sich inzwischen auch der Großteil der Hollywood-Filme und Erfolgsromane orientieren.

Dabei wurde ich ursprünglich auf Joseph Campbell durch sein berühmtes TV-Interview mit Bill Moyers aufmerksam, das später zu dem Buch The Power of Myth verarbeitet wurde. Dem Buch konnte ich erstaunlich viele Lebensweisheiten entnehmen, was einleuchtet, wenn man sich diesen Absatz aus dem ersten Kapitel von Campbell’s berühmtesten Buch The Hero With a Thousand Faces liest:

It has always been the prime function of mythology and rite to supply the symbols that carry the human spirit forward, in counteraction to those that tend to tie it back. In fact, it may very well be that the very high incidence of neuroticism among ourselves follows the decline among us of such effective spiritual aid.

Mythologie hatte schon immer die Aufgabe, bewährte Hilfestellungen für das tägliche Leben der Menschen von Generation zu Generation weiterzutragen, und das schließt für mich die Geschichten der Religionen mit ein. Die Arbeit von Joseph Campbell schlägt dabei eine wichtige Brücke zwischen den nach heutigen Maßstäben unglaubwürdigen Erzählungen und den darin enthaltenen, äußerst realen und praktischen Lebensweisheiten. Es ist eine sehr nützliche Fähigkeit, Mythen und Geschichten der Religionen lesen zu können, und die darin enthaltenen Weisheiten zu verstehen.

Die Heroe’s Journey wird auch herrlich anschaulich in diesem TED Ed-Video erklärt:

Weitere Informationen:
Heroes Journey auf Brain Pickings

Bildquelle: TEDed-Video von Matthew Winkler

Konsumieren oder Produzieren

2016-06-06 konsumieren oder produzieren v01

Ein Gedanke, der mich unter anderem zu diesem Blog animiert hat, ist der Unterschied zwischen Konsumieren und Produzieren. Es gibt Aktivitäten, bei denen man selbst in erster Linie Empfänger ist. Man profitiert von den Leistungen von Anderen. Man hört zu, man liest, man folgt. Man ist nicht Regisseur, sondern der Zuschauer. Nicht Gastgeber, sondern Gast. Nicht Sprecher, sondern Zuhörer. Konsumieren ist eine wichtige und schöne Sache, essentiell zum Lernen; doch je älter ich werde, desto wichtiger finde ich die richtige Dosierung zu beachten.

Die Magie liegt auf der Seite des Produzierens, des Erschaffens, der Kreativität. Etwas Schreiben, etwas Malen, jemandem Helfen, etwas Reparieren, etwas Aufschreiben und Weitergeben, etwas Hinzufügen. Hier erschafft man etwas Neues, gestaltet mit, erzeugt Werte. Auch als Konsument übt man Einfluss aus, doch in geringerem Maße. Man ist in der Rolle des Wählers und nicht des Politikers.

Diese Unterscheidung wende ich in letzter Zeit auf verschiedensten Aspekte an. Mir einen Saft im Supermarkt zu kaufen, zähle ich zum Konsumieren, mir einen Smoothie zu mixen eher zu produzieren. Ein Buch lesen, konsumieren. Mir Notizen machen und sie für andere zugänglich machen, produzieren. Diese Einteilung ist nicht eindeutig, nicht schwarz-weiß, sondern eher eine Übung für mich, wie groß der Eigenanteil, die Selbstbestimmung, die Einflussnahme bei einer Tätigkeit ist.

Ich glaube, der Anteil zwischen konsumieren und produzieren hat auch etwas mit Alter und Lebensphasen zu tun. Als Kind konsumiert man fast ausschließlich. Lernen, entwickeln, ausprobieren baut auf Erfahrungen und Werken der Eltern und anderen Personen auf. Auch in der Schule und in der Ausbildung wird dieser Schwerpunkt oft beibehalten. Es ist meist erst als junger Erwachsener, dass man mehr und mehr Werte schafft, sich kritisch mit dem Erlernten auseinandersetzt, darauf aufbaut und weiterführt. Oft zunächst im Beruf ,aber mehr und mehr auch in anderen Lebensbereichen.

So denke ich mittlerweile oft darüber nach, ob eine Handlung von mir eher auf der Konsumseite oder der Produktionsseite anzusiedeln ist. Ich probiere möglichst oft, auf der Seite des Produzieren zu sein. Das geht auch im Kleinen: man kann ein Produkt kaufen, sich daran erfreuen (konsumieren) und seine Erfahrungswerte an den Hersteller und an andere Interessenten, z.B. per Amazon-Bewertung, schicken (produzieren). Man kann in einem Restaurant guten Service genießen (konsumieren) und danach seine Kellner gegenüber dem Restaurant-Besitzer loben (produzieren).

Bildquelle: Eddy Klaus via Unsplash

Wir werden sehen (chinesische Fabel)

2016-05-31 wir-werden-sehen v01

Die folgende chinesische Fabel mit dem Namen 塞翁失馬 (sai weng shi ma) wird immer mal in Podcasts zitiert. Zuletzt habe ich Sie auf der Homepage von Derek Sivers gesehen. Hier eine freie Übersetzung:

Es war einmal ein alter Mann, der hatte nur ein einziges Pferd. Eines Tages riss es sich los und lief davon.
Seine Nachbarn eilten herbei und sprachen: „Es tut uns so leid. Welch schreckliche Nachricht. Du musst erschüttert sein!“
Der Mann antwortete nur, „Wir werden sehen“.

Wenige Tage später, kam sein Pferd zurück in die Koppel in Begleitung von 20 Wildpferden. Der Bauer und sein Sohn pferchten alle Pferde ein.
Die Nachbarn eilten herbei und sprachen: „Herzlichen Glückwunsch. Welch herrliche Fügung. Du musst so froh sein!“
Der Mann antwortete nur, „Wir werden sehen“.

Kurze Zeit später, trat eines der Pferde nach dem Sohn des Bauern und brach ihm beide Beine.
Die Nachbarn eilten herbei und sprachen: „Es tut uns so leid. Welch schreckliche Nachrichten. Du musst am Boden zerstört sein!“
Der Mann antwortete nur, „Wir werden sehen“.

Einige Monate später brach Krieg im Land aus und jeder fähige Mann wurde zum Dienst als Soldat eingezogen. Aufgrund seiner Behinderung wurde der Sohn des Bauern verschont.
Die Nachbarn eilten herbei und sprachen: „Herzlichen Glückwunsch. Welch glückliches Geschick. Du musst so erleichtert sein!“
Der Mann antwortete nur, „Wir werden sehen“.

Bildquelle: Zhao Mengfu – Man and Horse

Smartphone Pausenfüller-Falle

2016-05-26 smartphone-pausenfueller-falle v01

Man neigt dazu, die sich bietenden Pausen mit dem Griff zum Smartphone zu überbrücken. Den Reflex habe ich auch. Doch mittlerweile achte ich darauf, in kleinen Pausen, bewusst das Handy in der Tasche zu lassen, die Umgebung zu beobachten, in Gedanken zu versinken, mal durchzuatmen. Die Überlegungen dabei sind Folgende:

Dank Smartphone gibt es keine Langeweile mehr. Allzeit bereit warten endlose Möglichkeiten sich abzulenken. In Restaurants beobachtete ich immer das gleiche Schauspiel. Er oder sie entschuldigen sich für den Gang zur Toilette und wie im Reflex zückt der Partner das Smartphone und fängt an, sich zu beschäftigen. Was geht dann in den Köpfen vor? „Habe ich was verpasst? Wer hat mir geschrieben? Wem kann ich noch schnell schreiben.“ Man beginnt eine Konversation. Oder schnell noch die Nachrichten lesen?

Im Artikel How Technology Hijacks People’s Minds spricht der Autor von RIsiken und Nebenwirkungen der Smartphone-Nutzung, unter anderem „Turn yourself into a slot machine.“ Jeder Griff zum Handy kommt einer neuen Runde Glücksspiel gleich für Updates, Messages, News, Likes. Bei vielen Apps hat inzwischen sogar die typische Handbewegung für einarmige Banditen Einzug gehalten: einmal runter wischen und das Rad dreht sich. Es erscheint mir nicht abwegig, dass dieses allzeit verfügbare Spiel Suchtpotential hat.1

Wenn der Partner zurückkommt, schwingt auch ein kleines Gefühl der Enttäuschung mit. „Ich lese nur noch schnell den Artikel zu Ende“. Freude klingt anders. Man hinterlässt digitale, offene Enden. Wo war man noch gleich? Worüber hatte man gerade noch gesprochen? Eine Pause war das nicht. Eher eine Art Zeitmaschine von eben ins Jetzt. Das Gehirn voll mit den Ergebnissen des Glücksspiels. Wenn man Pech hat, ist die Stimmung jetzt schlechter, weil man etwas unangenehmes gelesen hat. Vielleicht sogar die E-Mail vom Chef? Die nächsten To-dos?

Es gilt als unhöflich, das Smartphone in Gegenwart von Mitmenschen zu benutzen. Es vermittelt Desinteresse, Ablenkung, Oberflächlichkeit. Hat man sich selbst gegenüber nicht eine ähnliche Verantwortung? Ich probiere es aus und lasse das Telefon bei kleinen Pausen in der Tasche.


  1. Im Artikel wird noch mal passend darauf hingewiesen: „Slot machines make more money in the United States than baseball, movies, and theme parks combined.“ Das Potential ist da. 

Days > Years > Life

2016-15-14 days-years-life v01

Folgender Spruch ist mir fest im Gedächtnis verankert:

How we spend our DAYS,
is how we spend our YEARS,
is how we spend our LIVES.

Als ich den Satz für diesen Beitrag noch mal nachschlug, stellte ich fest, dass er eigentlich leicht anders lautet: „How we spend our days is, of course, how we spend our lives. “ ist ein Zitat von Anne Dillard aus dem Buch The Writing Life, das ich in einem Artikel auf Brainpickings gelesen habe.

Die Variante, die ich mich gemerkt habe, finde ich sogar etwas besser. Sie symbolisiert für mich die schleichende Entwicklung von einem Tag, zu einem Zeitraum und schließlich zu seinem Leben. Den heutigen Tag kann ich beeinflussen. Jedes Vorhaben, jeder Wunsch, jeder Plan hängt an den Handlungen im Hier und Heute.

Und auch eine Zweite Deutung ist hilfreich. Wir leben hier und heute. Wenn wir die Tage nicht genießen, sondern z.B. auf Ziel in ferner Zukunft hinarbeiten, kann es passieren, dass wir das Leben verpassen. Maria Popova beschreibt das treffend als einen ihrer wichtigsten Lerneffekte aus dem Betrieb von Brainpickings:

Presence is far more intricate and rewarding an art than productivity. Ours is a culture that measures our worth as human beings by our efficiency, our earnings, our ability to perform this or that. The cult of productivity has its place, but worshipping at its altar daily robs us of the very capacity for joy and wonder that makes life worth living…

Wenige Monate nachdem ich den Artikel gelesen habe lief im Radio der Song Morgen von Chima (Video und Songtext). Wie passend.

Bildquelle: Blake Wisz via Unsplash

Seneca über Verlust

2016-05-06 seneca-ueber-verlust v01

Zum Anlass seines kürzlich erschienen Hörbuchs The Tao of Seneca erschien im Tim Ferriss Podcast der Brief 42 als Hörprobe (hier als Text via Wiki). Darin spricht Seneca unter anderem über Verlust. Eine Erinnerung, das Gute auch darin zu suchen und nicht automatisch in Ärger und Schmerz zu verfallen. Zunächst nennt er ein paar konkrete Beispiele und Betrachtungsweisen (in einer Art Frage-Antwort-Struktur).

„This object is bound to perish.“ Yes, it was a mere extra; you will live without it just as easily as you have lived before. If you have possessed it for a long time, you lose it after you have had your fill of it; if you have not possessed it long, then you lose it before you have become wedded to it. „You will have less money.“ Yes, and less trouble. „Less influence.“ Yes, and less envy.

Für mich sind das alles sehr gute Erinnerungen:

  1. Wenn man vorher auch ohne das Verlorene gut leben konnte, kann man es bestimmt auch danach.
  2. Hat man es lange besessen, kann man sich über die gelohnte Investition freuen. Besaß man es nur kurz, so hat man sich wahrscheinlich kaum daran gewöhnt.
  3. Man hat nun weniger Besitz aber auch weniger Verpflichtungen, Neid, etc.

Im nächsten Absatz spricht er einen Knackpunkt an, nämlich den Auslöser des Verlustschmerzes (Textgewichtung von mir hinzugefügt):

Look about you and note the things that drive us mad, which we lose with a flood of tears; you will perceive that it is not the loss that troubles us with reference to these things, but a notion of loss. No one feels that they have been lost, but his mind tells him that it has been so.

Der Ärger nach einem Verlust kommt bei mir oft aus dem Umstand selbst – man darf nichts verlieren, das entspricht Schaden, Niederlage, Verschwendung, etc. – und weniger aus einer nüchternen Betrachtung des tatsächlich entstandenen Schadens. Kann man auch ohne das Verlorene gut leben? Gibt es Vorteile dieser Situation? Profitiert auch jemand anderes davon?

He that owns himself has lost nothing. But how few men are blessed with ownership of self!

Senecas über 2000 Jahre alten (!) Weisheiten begeistern mich immer wieder und sind meines Erachtens aktuell wie eh und jeh.

Bildquelle: hollygoodyear0 via Pixabay